der sprachlose Raum

Es ist der 26. Juni 1994, ich blättere in meinem Atlas, mache Reisen in ferne Länder, bin Herr über Zeit und Raum. Ich denke an die letzten Ureinwohner Papua-Neuguineas, die sicher erstaunt sein würden, plötzlich und unvermittelt, in einer europäischen Großstadt aufzutauchen. Wahrlich unaussprechlich muss es ihnen vorkommen, mit Dingen umzugehen, die sie nie zuvor gesehen haben. Es würde sie mit Gewalt treffen, genau wie es mich trifft, wenn ich auf eine Situation stoße, auf die ich nicht vorbereitet bin. Es ist ein Gefühl des ‚geworfen seins‘, gleich einem Flugzeugabsturz, ich könnte vielleicht den Piloten kritisieren, aber nicht die Welt, in der ich gerade gelandet bin. Es ist eine neue Bedingung und als solche höchst undemokratisch. Das Fremde ist das Neue und muss, dem Begriff treu, ein Schritt von der alltäglichen Erfahrung gelegen sein. Dieser erstmal sprachlose Raum ist genau der Abstand, den ein unmittelbares Erleben zur Entfaltung braucht.
Mit der zunehmenden Erfahrung und Einsicht des Menschen schwand der sprachlose Raum immer mehr, bis fast nichts übrig blieb. Die anfängliche Beschreibung wurde zur Ansicht, die sich mit der Zeit erhärtet hat.
Der Verstand ist nicht gut oder böse, er lässt das Chaos organisieren, Erfahrung verifizieren, Utopien entwerfen und Häuser bauen. Es ist das Wesen unserer Art, den Lauf der Dinge nach unserem Willen zu gestalten und durchaus erfüllt es uns mit Stolz, die Apokalypse selbst herbeiführen zu können. Gott ist überwunden als allmächtiger Vater, der uns strafen kann. Wir sind es, die sich die Freiheit nehmen zu gehen, wenn uns danach ist. Wir bestimmen selbst, sind verantwortlich geworden.
Ein Ausbruch aus diesem System, wie notwendig er auch erscheint, kann kein Ausbruch sein, man würde das System nicht verlassen, nur bestätigen. Es geht mir um das leise Schließen einer Tür, die gerade auf dem Weg liegt. Irgendeine Tat, die diese Welt für einen Augenblick anhält, kann es möglich machen, eine dieser Türen hinter sich zu lassen: Meine Mitgliedschaft, meine Zugehörigkeit wird zur Disposition gestellt, das Individuelle tritt hervor. Mein ausdrückliches Sein, meine ausdrückliche Entäußerung spiegelt den Verlust der Ganzheit. Es ist die latente Erinnerung, die meine Sehnsucht bestimmt, nach dem zu suchen, was immer noch in mir lebt und wirkt, dem Einen, dem Einzigen, als Zeit und Raum noch nicht geboren waren. Ich schaue in die Dunkelheit und habe begriffen, dass sich die Ideen nur auf einer kleinen, instabilen Insel befinden, die durch meinen Verstand in Waage gehalten wird. Das Schöne und das Hässliche liegen dort, wie jeder Begriff.
Es ist die Frage nach der Erscheinungsform, die Frage der Wahrnehmung und eine Frage des Standpunkts. Um aber eine Antwort geben zu können, muss ich wissen, dass diese Fragen nur beantwortbar sind, solange sie sich auf ein System beziehen, das sich in der Fragestellung selber meint.
So weiß ich nicht, was Kunst ist, doch weiß ich um die Art, wie sie zur Darstellung gelangt.