Musikalien

In der Musik erscheint der zeitliche Ablauf wie selbstverständlich. Vergangenes vom Jetzt ins Zukünftige projizieren ist das wunderbare Vergnügen des Hörens – keine andere Disziplin gibt das her. Und es ist (fast) egal, ob die Töne von der CD kommen, oder man in einem Konzertsaal sitzt. Musik wird geträumt?

Schnittkes ‚Concerto for Piano and Strings‘ ist neben Shostakovichs Piano ‚Concerto No. 1‘ für mich aufregendste Tonsetzung, natürlich Stravinskys ‚Petrushka‘ von 1911 (den ich jetzt erst höre), aber Charles Ives – Polystilistik ist schon bei Ives zu hören. Mahler. Schoen(Berg). Pettersson komponiert mir den Grund, eine Art schwärende Ursuppe, auf der kleine, instabile Inseln schwimmen. Die Jüngeren: Adams, Goldmann, Goebbels!, Saariaho, Salonen, Trojahn, Clyne, Eichberg, Rijnvos, Putz, etc. und Philip Glass hat mit seiner 8ten doch noch ein Stück Musik geschrieben.

Hier geht es um Musik und natürlich ist meine klassische Musiksammlung nach Jahrhunderten, ab Anfang der Romantik nach 50er-Schritten sortiert (das letzte Jahrhundert in 20er). Dies auf die Unterhaltungsmusik – also Rock und Alternative CDs der 70er, 80er, 90er und später, anzuwenden, gibt ein völlig neues Gefühl der Erinnerung. In einem Leben, wo der Augenblick Wirklichkeit erahnen lässt, liegt die Wahrheit in der Chronologie. Je näher der aktuelle Moment, desto schwieriger wird es, die zugekauften Alben ‚richtig‘ einzuordnen. Ein Nachteil ist, dass Künstler, die über Dekaden gute Musik ablieferten, nun auseinander gerissen stehen. Gerade sortiere ich alles zurück, meine Frau würde sich beschweren. Bei iTunes kann ich ein ähnliches Ergebnis – mit einer Tastenkombination – erreichen, aber dieses Begreifen ist nur mittelbar.

Gern würde ich eine Partitur lesend hören, fühle mich aber wie ein User am Computer, der nichts von seiner KI begreift und trotzdem FIFA zockt. Wenn wir spielen, meint es das selbstvergessene Tun, das Klavier wird gespielt, eine Symphonie geschrieben. Trifonov spielt seinen Chopin, Ton wird Klang, in Ausführung das ideale Produkt der Notation wie das Licht (nur langsamer), Welle und Teilchen zugleich? Dem Bild ähnlicher als gedacht, das erst durch Licht erscheint, fließt vom Objekt ab, ist überall im Raum zugleich, als Erscheinung zuallererst Matrix einer Reflexion.

Zum Anfang zurück: In einem Livekonzert löst sich der Ton direkt von der schwingenden Saite, dieses Hören ist ein unmittelbarer Ereignisstrang in nur eine Richtung – keine Wiederholung möglich, Überraschungen nicht domestiziert. So entsteht das Auratische des Moments aus der Aneinanderreihung, ähnlich einer Linie, die sich aus vielen Punkten zusammenfügt, Musik als das eingelöste Versprechen. Auf CD gebrannt, konserviert, kann ich ein Stück nach Belieben wiederholen, vergleichend hören (Mahlers 4te von Kubelik 1968, Karajan 1979, Inbal 1985, Hänchen 2000, Jansons 2010 und Pinnock von 2013) und wahrhaftiges vermuten.