Archiv für den Tag: 15. Februar 2021

Iteration (oder wie das Pattern in die Welt kam)

… wohl zuerst in der Architektur, die alten Tempel haben schon aus bautechnischen Gründen eine Rhythmisierung der gleichen Elemente. Das sich dies im Fries dekorativ fortsetzte, war nur folgerichtig.
Das handgefertigte immer wiederkehrende Objekt, war noch unterschiedlich. Ich lebe seit 26 Jahren auf einem Perserteppich, bei dem sich jedes Ornament wiederholt. Sei es die Farbe, die Form, der Abstand zum Rand, alles referiert den Nächsten, ist gleich und doch verschieden. Hier wird Handwerk zur Weltsicht! Auf dem abgewetzten Label darunter steht ‚handgeknüpft‘, maschinell gefertigt wäre es ein preiswertes Industrieprodukt, langweilig.
Dann waren es Computerspiele (erste Ego-Shooter), die für ihre virtuellen Räume Hintergründe brauchten. Wie immer ist es eine Frage der Ökonomie, in diesem Fall die der Rechenleistung, die wiederholbare Tapetenschnipsel, auf Dreiecken, in den konstruierten Raum stellte. Davor die simple Einrichtung mit einigen Schaltern, fertig war eine Umgebung, welche im abgestecktem Rahmen den Aktionsradius des Users markierte. Das diese Engines heute immer kleinere Dreiecke, oder Polygone berechnen können und daran ihre Muster hängen (Texture Mapping), macht die erzeugten Welten immer glaubwürdiger, bis hin zur Realitätsverschiebung.
Was wahr ist, war noch nie wirklich und wird es nie sein, ist aber hier nicht Sinn der Erörterung. Weiter.
Es geht um die kleinen, sich immer wiederholenden Schnipsel. In der neuzeitlichen Musik viel es mir zuerst bei Bruckner auf, der wiederholende Taktintervalle im Zusammenhang mit der großen Form auf eine kontemplative Ebene gehoben hat, die seinesgleichen sucht (8te Symphonie, 2ter Satz). Die ganze Musik des Minimal ist davon angesteckt, dass es mich dort in die Langeweile treibt (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel: ‚in C‘ von Riley).
Losgelöste sich wiederholende Sequenzen ergeben Dekor, aber letztlich keinen Sinn, da sich das einzelne Element, ohne den übergeordneten Zusammenhang, aufgibt. Denn anders, als beim islamischen Bilderverbot, übersteigt hier nichts, ist aus der Religiosität entkoppelt, hat nur den Anschein des Kontemplativen, eines Mantras, ist preiswerte Folklore.
Leider füllt sich gerade die Bildende Kunst mit diesen Schnipseln, ich stehe vor diesen Arbeiten und kann das Handwerk, im schlechten Fall die Mühen, schätzen. Mir fehlt die Inspiration im Verlauf, es wird mit einer Aufgabe auf ein Ziel hingearbeitet (eine begrenzte Fläche zu füllen, siehe oben), bei der man den Weg zur Tat erklären kann. Auau.
Deutlich wird das in der Kunst im Bezug zur gesellschaftlichen Relevanz. Das Pattern degradiert sich zur blassen Entscheidung, der die innere Notwendigkeit fehlt. Das ahnbare Neue ist schon aufgefüllt, die Sehnsucht befriedigt. Dies nutzt den Kopf zu füttern, ohne ihm eigentliche Nahrung zuzuführen:
Je weniger wir folgerichtig projizieren, desto kleiner wird der utopische Vorsprung.
Abgedroschen: Das Kapital ist hoch erfreut.

P. S.: Minimal ganz groß
Riley, Reich, Glass?
Letztlich machen sie doof im Kopf, und das soll auch so sein.
Abstellen jeglicher Relativierung, allem logischen Konsens, zugunsten des unmittelbaren Einschwingens, Selbstvergessens. Diese Art von Erweiterung ist nicht unbedingt mein Fall, obwohl ich es gut hören kann und es mich auch wiegt, ich die Segel aufstelle und ab; nur wohin geht die Reise?
Bei Rileys ‚in C‘ von 68 höre ich Indien, Folklore, aber da ist noch was, was beim zeitgemäßen Jazz nicht zu unterschätzen ist (Vijay Iyer, Rudresh Mahanthappa, Jarry Singla). Mit stilistischer Entgrenzung wird ein neues Hörbild entwickelt, das mich, über den Folkloregedanken hinaus, horchen läßt.
Also wieder rauf, oder rein mit der Scheibe ‚in C‘, aber eben nicht ‚Good Hope‘, meines geschätzten Dave Holland, Zakir Hussein und der Rest bleiben dermaßen ‚im Jazz‘, dass für mich die Tabla nur ‚angehängt‘ klingt, besser Jarry Singla mit ‚Eastern Flowers‘.