… auch ich höre Weinberg

Nun wirds mir mal wieder eng, wenn einge verehrte Kollegen Dirigenten davon reden, Weinbergs symphonische Sprache sei die wichtgste des 20. Jahrhunderts und schon allemal besser, als die von Shostakovich (Frau Gražinytė-Tyla, Herr Krzysztof Urbański).
Hier macht sich Lokalpatriotismus, Geschäft und ‚das aus dem Fenster legen‘ in einer Weise breit, wie ich es lange nicht gehört habe. Ich kenne Weinbergs Violinkonzert seit 5 Jahren und die Symphoniuen seit 4. Ich bin Laie!, interssiert, aber doch nicht abseits. Die Chandos-Aufnahmen, Lande auf Naxos, etc. man wird bestimmt noch einiges mehr finden. Ich habe Weinbergs Musik über Linus Roth kennen gelernt. Natürlich höre ich interssante Künstler auch seitwärts. Wenn Orchster davon sprechen, Weinberg nur von Ferne zu kennen, mag das wahr sein; ich denke nur: wie sind die denn drauf.
2019 ist Weinbergs (1919–96) 100. Geburtstag. Shostakovichs (1906–75) Arbeit ist für mich mit der von Beckmann zu vergleichen, wobei holzschnittartige Linien Malerei umformen, die nicht so sehr auf das Strukturale verweist, sondern den Gegenstand umreißt und dabei bis ans Groteske geht. So zieht er den Guckkasten falch, kann die Malerei von der bloßen Volumenbeschreibung befreien, ohne den Blick auf die Wirklichkeit zu verlassen. Dazu braucht es kein System, welches sich selbstreferenziell behaupten muss, es ist und ist nicht, oszilliert – gut so. Und das ist, als Maler gesprochen, was mir an Shostakovich gefällt. Vom Speziellen zum Allgemeinen, die persöhnliche Geschichte wird zum Aufhänger (sei es die Topfpflanze im Atelier, sei es ein Erlebnis auf der Straße, im Beruf, oder mit der Polizei).
Weinberg (vom Fleische Shostkovichs: Zitat Weinberg selbst) geht einen mehr lyrischen Weg, ist viel dichter bei Chagall.
Chagall schuf ein Werk, in dem das Spirituelle durch feines Empfinden im Strich und der Kolorierung herausgearbeitet wird; ich muss schon ein-, besser durchtauchen, um auf den Kern zu stoßen. Dasselbe bei Weinberg, lyrische Fromen, die nie bis Schönberg reichen, die sich in sich selbst zu entwickeln scheinen, untergreifen nie das Tonsystem, bleiben in einer Sprache, ohne sich zu transformieren.
Transformation leistet aber den entscheidenen Beitrag zur Neuinterpretation einer alten (verbrauchten) Form, dies wusste schon Maler und natürlich auch Schostakovich, dessen probates Mittel die Groteske war, um nicht dem Zynismus anheim zu fallen. Ein schmaler Grad, wobei die Überzeichnung hilft, dem ‚Alsob‘ die Stirn zu bieten, wahrhaftig zu bleiben.
Kunst sollte das Allgemeine über die Gegenwart hinaus bezeichen, sonst zahlt man keinen Mehrwert auf die Zukunft; so kann ich den sozialischtischen Realismus (aus dem Dunkel ins Licht) durchaus positiv verstehen (wenn nicht die Daumenschruben der Staatsdoktrin gemeint sind). Leo Trotzki schrieb (1939) dazu: Die Kunst und die Wissenschaft suchen nicht nur keine Lenkung, sondern können von ihrem Wesen her keine dulden.
Um den Kreis zu schliessen, Weinberg war sicher weit entfernt, sich irgend einer Doktrin zu beugen, gleichwohl hat das Werk für mich nicht die Sprengkraft eines Shostakovichs, die in ihrer Expressivität an Existenz gemahnt, die Drähte nach ‚Oben‘ durchschneidet, und frei sind für etwas, statt frei von etwas.

P.S. Noch ein echter Geheimtipp für alle Orchestermitglieder:
Eduard Tubin (1905–82) auch ein wunderbarer Komponist (dessen 100. leider schon gefeiert wurde). Aber im Gegensatz zu Weinberg liegt da nur die Veröffentlichung von Neeme Järvi (von 1984) vor, aus etwas neuerer Zeit von Paavo (mit Sibelius) und Christian Järvi (String-Concertos), Eri Klas hat das Requiem aufgenommen. Man Vergleiche das mit den Aufnahmen von Weinberg (3 Seiten zu 29 im Amazon CD-Katalog!).