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grundlegender Beitrag

der sprachlose Raum II

20 Jahre nach meinem Text ‚der sprachlose Raum‘ folgt hier eine Erweiterung dieses Gedanken.
Anlass ist der Satz von Szymczyk: ‚Kunst sind die Dinge, die wir nicht verstehen‘.

Ein Tafelbild, Objekt und die Installation sind erst mal nur Dinge, die das Mysterium, das Unerklärliche, dass Nichtverstehbare – das Geheimnis – ganz natürlich in sich tragen. Finden diese Dinge, durch welche Tat auch immer, in den öffentlichen Raum, wird ein dichter Schleier des Diskurses darüber gelegt, der die Magie des Seins nur noch durchschimmern lässt.
Kunst ist ein Wort, das Tätigkeiten wie Malen, Biegen, Schweißen, Setzen Stellen Legen, etc. einen neuen Rahmen gibt. Die Verwandtschaft zur Einrahmung eines Bildes ist nah, sie sagt: schau das Dargestellte nicht unter dem Aspekt des Handwerks, sondern dem der Kunst an. Das Werk wird aus seinem Erstellungs-Zusammenhang isoliert, damit neuer Wert entsteht. Kunst ist ein Begriff der Transformation.
Der Ursprung liegt schon bei den Höhlenzeichnungen, die Hand wurde auf eine Steinfläche gelegt und man sprühte mit dem Mund Farbe darüber. Die frühzeitlichen Gesellschaftsverbände brauchten Wegweiser, herausgehoben aus den Anstrengungen der Reproduktion. Die Handlung hatte eine soziale Funktion den Gemeinsinn zu stärken und zugleich einen Überbau zu geben, später den Glauben zu festigen. Heute ist Kunst aus dem rituellen wie sakralen Zusammenhang befreit (nicht dem politischen), die Umwertung übernimmt das System.
Natürlich läuft ein gutes Werk aus dem Diskurs, aus dem Ghetto der Kunsthistorie, hinaus, um dann in der Rezeption eingeholt und kanonisiert zu werden: Überschreitung und Vereinnahmung: das ganz eigene Spiel von Kunst im Betrieb. Wie bei einer Gleichung mit Unbekannten, wird das Nicht-Verstandene ausgeblendet, um auf ein Ergebnis zu kommen. Zahlen und Worte beschreiben die Wirklichkeit, damit sie berechen- und benennbar wird: Ein Apfel ist ein Apfel, weil wir wissen, dass er uns als Nahrung dienen kann. Treten wir ein Stück zurück (auch weil der Hunger nicht mehr ganz so groß ist), verblasst das Wort, löst sich der Gedanke vom Gegenstand, verweht der Nutzen. So steht Wirklichkeit immer unter der Notwendigkeit seiner Interpretation, damit Leben, wie wir es kennen, überhaupt erst möglich wird: Wir gehen bei Grün über die Straße, beißen in den Apfel (in Hannover wie in Hiroshima), weil die Zeichen durch Benennung, in einem Wortraum zusammengefasst und auf der Oberfläche eingeschrieben, allgemein geworden sind. Letztlich werden heute die Dinge mehr gelesen, als dass wir sie sehen. Wie ein Fotoapparat dem Auge nachempfunden und das Verkehrssystem unseren Blutbahnen ähnelt, ist die Reduktion überall in der Informationstechnik angekommen: Ein Softwareprogramm arbeitet nicht mit der vollen Auflösung der Abbildung, sondern einem Platzhalter, der stellvertretend schneller darstellbar ist. Diese zwangsläufige Ökonomie des Lebens ist der Bereich, dem sich ein Künstler nur noch durch Akklamation verweigern kann: Er legt das Geheimnis erklärtermaßen dar, verliert noch einmal, was schon verloren ist, macht einen Schritt über die allgemeine Übereinkunft hinaus, um mit dem Gewinn dieser Distanz den unverstellten Blick zurück zu holen. Bildende Kunst als Hinweis auf das alles durchdringende Chaos, der bodenlose Grund, von dem wir auf den Schleier zeigen, den jeder für sich selbst heben muss (im wahren Sinn die Apokalypse).

der sprachlose Raum 94