abschnitt

… es fing an, dass wir unsere Haare und Nägel schneiden mussten. Es lief sich nicht automatisch ab, wie bei den Hunden die Krallen, es störte, hinderte bei alltäglichen Verrichtungen. Haare konnte man zusammen binden, aber irgendwann wurde auch das hinderlich. Werkzeuge mussten gefunden werden, sich aus dieser Lage zu befreien. Seitdem schneiden wir Teile von uns ab.
Im Alter von gut einem Jahr, wurden mir die Haare – blonde Locken – von meiner Mutter das erste Mal geschnitten. Ich sollte wie ein Junge aussehen. So kam die Pracht herunter, auf dem Kehrblech gesammelt und von oben in die angeheizte Küchenhexe gegeben. Das weiß ich aus Erzählungen, aber woran ich mich wirklich erinnere, ist der orange-gelbe helle Schein an der Küchendecke, der durch das Auflodern der Flammen entstand. Initiation, Menschwerdung, eine Trimmung, die die Zugehörigkeit einer bestimmten Gruppe unterstreichen sollte, aber auch ein Trauma: dieses Leuchten steht mir im Unterbewusstsein, ist Verletzung und Orientierung zugleich.
Vielleicht noch heute ein Grund, warum Juden und Moslems ihre männlichen Nachgeborenen beschneiden. Ich glaube nicht an Hygiene, eher an ein Symbol des sich Aufrichtens gegen die Natur, des Aufgenommenseins in die Gemeinschaft derer, die sich ihrer selbst bewusst sind. Das Genital wird beschnitten, die Triebregion, die uns dem Tier am ähnlichsten macht. Das Band zur Evolution wird noch einmal durchtrennt, als bewusster Akt, Kind Gottes zu werden, dem im alten Testament – qua Symbol – nun die Erde zu Gebote steht.