Archiv für den Monat: Oktober 2017

Der Tellerrand des Kapitals

Unser Gesellschaftsgefühl nutzt sich ab, wie eine Beziehung, die nicht mehr zu halten ist, entfremden wir uns, gehen auf Distanz.
Ausschlaggebend dafür ist das unmögliche Gebaren einiger Konzerne, die es immer wieder schaffen, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Neuen Produkte, die besser sein sollen, im Hochglanz stehen, sind teurer, nicht aber von der alten Qualität. Es ist das Verzweifeln an den ‚unscheinbaren‘ vielen Kleinigkeiten, die sich häufen: Schnittstellen passen nicht, Software geht eigene Wege – wir bekommen nicht, was auf der Packung steht. Dieses Gefühl ruft Ratlosigkeit hervor, die nicht mehr mit dem neuen Glitzer überstrahlt werden kann.
Hier hinein stoßen die Flüchtlinge, die als kulturelle Überfremdung wahrgenommen werden, aber nur, weil einige Leute das plausibel erklären. Natürlich gibt es Probleme und das nicht zu gering, mit der 3ten Welle unserer Neubürger, der eigentliche Grund liegt aber im Aufbrechen des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Wenn Banker Leerverkäufe tätigen und das Institut an die Wand fahren, zahlt der Steuerzahler, die Autokonzerne schreiben ihre Verluste ab. Dahinein passt, dass kein Bürger seinen Wertverlust am Auto geltend machen kann. Klagen sind kaum möglich, oder von geringer Aussicht. Der Verbraucher merkt jeden Tag, dass er über den Tisch gezogen wird.
So ist es einfach, auf die Flüchtlinge zu zeigen. Nicht zuletzt muss darüber nachgedacht werden, warum sich diese Menschen auf den Weg gemacht haben. Dortige Märkte sind mit billigen Waren geflutet, dass selbst kaum noch produziert wird, nur konsumiert. Es wird verkauft, was nicht gebraucht wird, aber abhängig macht. Glyphosat zieht einen Nebel der Abhängigkeiten hinter sich her, das ganze Volkswirtschaften sich darin verstecken könnten.
Bei VW wollten die Arbeiter sicher ein gutes Auto bauen, und sie waren von ihrem Produkt überzeugt – aber es ist belogen und betrogen worden, nur unter Zwang hat die Firma Reparationen zugestanden. Das Kapital steckt den Rahmen, der ein anderer ist, als der des Verbrauchers – auch wenn es zur selben größeren Gruppe gehört. Schlimmer noch, er wird schlechter behandelt, als die Käufergruppe in den USA. Gerechtigkeit geht verloren – der innere Zusammenhang bricht auf.
Das Kapital spaltet die Gesellschaft, seine innovative Kraft ist verbraucht, schlägt ins Gegenteil. Es wird die Verwendung des Militärs im Inneren diskutiert, das sind Schritte aus der Demokratie heraus. Neue rechte Gruppen entstehen, die diesen Ärger mit einfachen Parolen aufzufangen versuchen.

Der Kapitalismus hat sich in den letzten 30 Jahren noch einmal gerettet, die Globalisierung machte es möglich neue Märkte zu erschließen, das ist nun vorbei – zumindest für Westeuropa und Nordamerika. China und Indien haben vielleicht noch die Chance – bis ihr eigener Markt gesättigt ist – ihre Waren in den noch ärmeren Ländern abzusetzen.
Das Gefüge wird sich derart verschieben, dass die Weltwirtschaft zum Erliegen kommt. Uuups! Dann kommt, was bisher immer gekommen ist: Krieg. Und wir brauchen nicht die Augen zu schließen, um zu merken, dass es schon jetzt an allen Ecken und Enden brennt (das Kapital muss sich ja regenerieren).

Der französische Vorschlag Europa finanziell, wie militärisch zu einigen kommt zur richtigen Zeit. Natürlich wird das im globalen Spiel die einzige Möglichkeit sein zu bestehen, die Märkte werden kleiner und nicht mehr nur dem überlassen, der die besseren Ideen hat. Die Ökonomie des Lebens ist zwangsläufig. Die Briten träumen, rechnen sich groß. Es geht um den Bestand der eigenen Gruppe, das Individuum ist nur in der Kunst gefragt, insofern, als es mit seiner Arbeit übergreifenden Kontext stiftet. Die Menschheit aber wird langfristig nur bestehen können, wenn sich grundlegende Änderungen ergeben (auch die Einigung Europas wird nur ein kleiner Schritt in diese Richtung sein), die den Widerspruch von Kapital und Mensch entschärft, glättet, bis ein Bewusstsein vorhanden ist, dass auch diese Form obsolet machen wird.

Das zuletzt solch unsägliche Summen im Fussball ausgegeben worden sind – ein Sport, deren Spieler meist aus den ‚unteren‘ Schichten kamen – schmerzt besonders. Das Spiel hat eine hohe Komplexität, benötigt Kraft und Ausdauer, Schnelligkeit, Überblick und verkommt nun zum Event des Kapitals. Brot und Spiele. Arbeitervereine wie Borussia oder Schalke sind längst Auslaufmodelle, der BVB eine Aktiengesellschaft und selbst 96 hat die 50+1 Regelung aufgehoben. Der Sport, mit dem Geld zu verdienen ist, passt sich an. Versucht die Unterhaltung zu gewährleisten, wird zur Wirtschaftsgröße. Identifikation kann nur noch durch Betäubung gelingen, sei’s mit Alkohol, oder Ultra, als Weg zurück in eine vermeintliche Selbstbestimmung. Spannungen im Inneren werden sich entladen, ein Grund, wie beim G20-Gipfel, ist letztlich egal. Es geht darum selbst an Stellschrauben zu drehen, für den Augenblick die Fakten zu setzen. Wie beim Alkohol ist ein dicker Kater die Folge.

Aus diesen Verhältnissen ergibt sich ein kultureller Identifikationsverlust, der so groß ist, dass die politischen Ränder neu erstarken. Es bricht auf, ohne sich zu entwickeln: Das nennt man Restaurativ.
Die Kraft der Menschen muss und wird es verhindern, dass das ausgelaugte, aggressive Kapital die Einzelnen, Gruppen, Völker und sich selbst zerstört. So kann nur global agiert werden, was sich weltweit ändern muss. Die internationale Arbeiterbewegung wusste davon, dass nur der zum Ziel gelangt, der über den eigenen Tellerrand schauen kann.