:der sprachlose Raum
und ich blättere in meinem Atlas, mache Reisen in ferne Länder, bin Herr über Zeit und Raum. Ich denke an die letzten Ureinwohner Papua-Neuguineas, die sicher erstaunt sein würden, plötzlich und unvermittelt, in einer europäischen Großstadt aufzutauchen. Wahrlich unaussprechlich muss es ihnen vorkommen, mit Dingen umzugehen, die sie nie zuvor gesehen haben. Es würde sie mit Gewalt treffen, genau wie es mich trifft, wenn ich auf eine Situation stoße, auf die ich nicht vorbereitet bin. Es ist ein Gefühl des ’geworfen seins’, gleich einem Flugzeugabsturz, ich könnte vielleicht den Piloten kritisieren, aber nicht die Welt, in der ich gerade gelandet bin. Es ist eine neue Bedingung und als solche höchst undemokratisch. Das Fremde ist das Neue und muss, dem Begriff treu, ein Schritt weit von der alltäglichen Erfahrung gelegen sein. Dieser erstmal sprachlose Raum ist genau der Abstand, den ein unmittelbares Erleben zur Entfaltung braucht.
Mit zunehmender Erfahrung und Einsicht schwindet der sprachlose Raum immer mehr, bis fast nichts übrig bleibt. Die anfängliche Beschreibung wird zur Ansicht, die sich mit der Zeit immer mehr verhärtet und zur Blaupause aller Interpretationen wird. So ist der Verstand nicht gut oder böse, er lässt das Chaos organisieren, Erfahrung verifizieren, Utopien entwerfen Häuser und Autos bauen. Es ist das Wesen unserer Art, den Lauf der Dinge nach unserem Willen zu gestalten und durchaus erfüllt es uns mit Stolz, die Apokalypse selbst herbeiführen zu können. Gott ist überwunden als allmächtiger Vater, der uns strafen kann. Wir sind es, die sich die Freiheit nehmen zu gehen, wenn uns danach ist. Wir bestimmen selbst, sind verantwortlich geworden.
Ein Ausbruch aus diesem System kann kein Ausbruch sein, man würde das System nicht verlassen, sondern nur bestätigen. So geht es mir um das leise Schließen einer Tür, die gerade auf dem Weg liegt, um das nochmalige Verlieren, was schon verloren ist. Die Welt anhalten – einen Augenblick verharren, stille stehn.
Meine Mitgliedschaft, meine Zugehörigkeit ist zur Disposition gestellt, das Individuelle tritt hervor. Mein ausdrückliches Sein, meine ausdrückliche Entäußerung spiegelt den Verlust der Ganzheit. Es ist die latente Erinnerung, die meine Sehnsucht bestimmt, nach dem zu suchen, was immer noch in mir lebt und wirkt, dem Einen, dem Einzigen, als Zeit und Raum noch nicht geboren waren. Ich schaue in den Abgrund und habe begriffen, dass sich die Ideen nur auf einer kleinen, instabilen Insel befinden, die durch meinen Verstand in Waage gehalten wird. Das Schöne und das Hässliche liegen auf dieser Insel, wie jeder Begriff. Solange ich hier schreibe, legt der Gebrauch der Wörter die Vermutung nahe, dass diese Insel die letzte Bastion ist, von der ich gesichert ausgehen kann. Aber wie der Hinweis auf das Mysterium durch die Kunst, ist die ganze Ding-Welt nur ein Hinweis auf das alles durchdringende Chaos. Es ist die Frage nach der Erscheinungsform von Materie, die Frage der Wahrnehmung und die Frage des Standpunkts. Um aber eine Antwort geben zu können, muss ich wissen, dass diese Fragen nur insoweit beantwortbar sind, solange sie sich auf ein System beziehen, das sich in der Fragestellung selber meint.
So weiß ich nicht, was Kunst ist, doch weiß ich um die Art, wie sie zur Darstellung gelangt.


Mit Texten (chronologisch) von
Peter Rautmann, Alexandra Glanz, Carsten Ahrens, Rolf Thiele, Thomas Deecke, Hans-Joachim Manske, Ludwig Zerull, Rolf Bier.


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